Fast jeder Anruf, der bei unserer 24-Stunden-Leitung eingeht, beginnt gleich. Ein Partner, ein Elternteil, ein Geschwisterteil hat nichts mehr von jemandem gehört, der die Passkontrolle eigentlich vor einer Stunde hätte passieren sollen. Eine hastige Stimme, eine unbekannte Ländervorwahl, dann die entscheidende Frage: Was tun wir jetzt? Dieser Leitfaden soll dieser Person – und auch der reisenden Person selbst, sofern sie ihn noch lesen kann – eine klare, ehrliche Übersicht über die ersten 24 Stunden geben. Flughafenfesthaltungen in Europa sind stark strukturiert. Sie verlaufen in Phasen. Wer diese Phasen kennt, kann die Zeit sinnvoll nutzen.
Ein Hinweis vorab. Dieser Leitfaden beschreibt, was typischerweise an Land-, Luft- und Seegrenzen der EU und im Schengen-Raum sowie in der Schweiz und im Vereinigten Königreich geschieht. Die Einzelheiten unterscheiden sich je nach Land, Flughafen und beteiligten Beamten. Nichts davon ist Rechtsberatung für Ihren konkreten Fall – dafür müssen Sie unmittelbar mit einer Anwältin oder einem Anwalt sprechen. Was Sie hier finden, ist der Ablauf des Verfahrens.
Der stundenweise Ablauf der Festhaltung
Eine Flughafenfesthaltung ist kein einzelnes Ereignis. Sie ist eine Abfolge von Übergaben – vom Grenzbeamten an einen Vorgesetzten, an die Grenzpolizei, an die Justizbehörde – jede mit eigener Frist und eigener rechtlicher Schwelle. Die untenstehende Tafel zeichnet einen typischen europäischen Zeitverlauf nach. Wichtig sind nicht die genauen Stunden, die variieren, sondern die Reihenfolge der Phasen und der entscheidende Moment, in dem eine Anwältin oder ein Anwalt einzubeziehen ist.
Passagier festgehalten · 12:42
Illustrative Rekonstruktion eines typischen Festhaltungsablaufs an einer Schengen-Grenze. Die genauen Zeitangaben variieren je nach Land.
Wie sich jede Phase tatsächlich anfühlt
Erstkontrolle (Passkontrolle) — der Moment, in dem das System piept
Am ersten Schalter scannt eine Beamtin oder ein Beamter den Pass. Wenn das System etwas anzeigt – einen Schengen-SIS-II-Eintrag, einen INTERPOL-Treffer, einen Sanktionstreffer, eine Visumsunregelmässigkeit – werden Sie gebeten, zur Seite zu treten. Das ist noch keine Festhaltung. Die Beamtin oder der Beamte folgt einer Routine: Ihre Aufgabe ist die Übergabe, nicht die Entscheidung. Rechnen Sie damit, beiseite warten zu müssen und dass der Pass einbehalten wird.
Zweitkontrolle — der ruhige Raum
Dies ist die Phase, die das Ergebnis am stärksten prägt. In einem separaten Raum wird die Grenzpolizei Fragen stellen – zur Reise, zum Gastgeber, zu den Beträgen auf dem Anmeldeformular, zum Arbeitgeber, manchmal zu Sachverhalten, die mit dem Flug scheinbar nichts zu tun haben. Das Telefon der reisenden Person kann verlangt und – in manchen Rechtsordnungen – durchsucht werden. Ziel dieser Phase ist die Entscheidung, ob der Treffer real ist, ob er weitere Schritte rechtfertigt und – entscheidend – ob die Person freigelassen, eingelassen oder an die nationale Polizei übergeben werden soll.
Viele Reisende gehen davon aus, dass kooperatives Verhalten in dieser Phase – jede Frage beantworten, jedes Detail erklären, das Telefon freiwillig entsperren – die Freilassung beschleunigt. Manchmal stimmt das. Häufig nicht. Was Sie in der Zweitkontrolle sagen, kann protokolliert, unterzeichnet und Stunden später in einem Gerichtsverfahren gegen Sie verwendet werden, von dessen Bevorstehen Sie noch nichts wussten. Das Schweigerecht besteht aus gutem Grund in jeder europäischen Rechtsordnung – und das EU-Recht hat seinen Schutz für diese Phase ausdrücklich verankert.
Identitätsfeststellung und das Anwaltsfenster
Klärt die Zweitkontrolle die Sache nicht, folgt die Identitätsfeststellung – Fingerabdruckabgleich mit den Schengen-VIS- und AFIS-Systemen, Abgleich mit nationalen Strafregistern und, soweit einschlägig, formeller Kontakt mit dem Nationalen Zentralbüro von INTERPOL. Irgendwann in dieser Phase – der genaue Moment hängt vom Land ab – wird das gesetzliche Recht auf anwaltlichen Beistand durchsetzbar. Dies ist das wichtigste Zeitfenster des gesamten Ablaufs.
Übergabeentscheidung und Gewahrsam
Eine vorgesetzte Person entscheidet in der Regel innerhalb von vier bis acht Stunden, ob die reisende Person freigelassen, unter Auflagen eingelassen oder förmlich in den Gewahrsam der Kriminalpolizei oder der Migrationsbehörden überstellt wird. Ab dieser Überstellung zählt vor allem die verfassungsrechtliche Uhr: Nahezu jedes europäische Land verlangt, dass eine festgehaltene Person innerhalb von 24 bis 48 Stunden einer Richterin oder einem Richter vorgeführt wird. In dieser richterlichen Anhörung werden die Beweise erstmals geprüft – und nicht nur protokolliert.
Was zu tun ist — und was auf keinen Fall
Vieles davon erscheint selbstverständlich, solange man ruhig ist. Nichts davon erscheint selbstverständlich, wenn man selbst festgehalten wird. Wer an oder durch eine europäische Grenze reist und auch nur die geringste Möglichkeit eines Datenbankproblems sieht, sollte diese Liste einmal gelesen haben – und sie idealerweise mit einer Person geteilt haben, die sich im Ernstfall an sie erinnert.
„Das Schweigerecht ist kein Schuldeingeständnis. Es ist eine seit Langem anerkannte Schutzvorkehrung — geschaffen für genau die Situation, in der Sie sich befinden: müde, verängstigt, in einer fremden Sprache, konfrontiert mit Fragen, deren rechtliche Tragweite Sie noch nicht einschätzen können."
Was die Angehörigen tun sollten — auf der anderen Seite der Wand
Die Angehörigen erfahren es meist durch das Ausbleiben einer Nachricht. Der Flug ist gelandet; die Person ist nicht aus dem Ankunftsbereich gekommen. Nachrichten bleiben unbeantwortet. In der ersten Stunde gibt es – in dieser Reihenfolge – drei sinnvolle Schritte.
- Vergewissern Sie sich, dass der Flug tatsächlich gelandet ist und die Person nicht etwa auf einem verspäteten Anschlussflug sitzt. Ein kurzer Blick auf den Flugstatus der Fluggesellschaft löst die schlimmste Befürchtung oft, bevor sie sich festsetzt.
- Rufen Sie eine Anwältin oder einen Anwalt mit Erfahrung in grenzüberschreitenden Festhaltungen an — nicht die allgemeine Notrufnummer, nicht einen privaten Kontakt in einem anderen Land. Die erste Stunde anwaltlicher Beratung ist zehn spätere wert.
- Bereiten Sie die Unterlagen vor, nach denen die Anwältin oder der Anwalt fragen wird: Kopie des Passes, Reiseverlauf, Anschrift des Gastgebers, etwaige frühere rechtliche Vorgänge im Ausland und eine Liste aller möglicherweise relevanten Datenbankthemen. Diese Vorbereitung spart Stunden.
Posten Sie bitte nichts in sozialen Medien, solange die Lage andauert. Es ist verständlich, dass Sie alarmieren, Hilfe holen und Druck aufbauen möchten. In der Praxis erschwert das die rechtliche Reaktion fast immer — manchmal, weil der ersuchende Staat vorgewarnt wird, manchmal, weil sich die Position der derzeit festhaltenden Behörde verhärtet. Mehr Fälle werden in der Stille gelöst als im Lärm.
Wenn es jetzt gerade passiert.
Der Notfallhilfe-Dienst von Valken ist innerhalb weniger Stunden einsatzbereit — örtliche Anwälte vor Ort, wo erforderlich, Übersetzungen, direkter Kontakt zur Grenzpolizei und zum Konsulat. Persönlich betreut durch Dr. Brunner oder eine Partnerin bzw. einen Partner. Festpreis ab €3,500, Reaktion innerhalb von 6 Stunden.
Die gute Nachricht, die meist die wahre Nachricht ist
Die meisten Personen, die in der Zweitkontrolle angehalten werden, kommen noch am selben Tag frei. Ein Datenbanktreffer entpuppt sich häufig als Falschtreffer, als veralteter Eintrag oder als Frage, die sich klärt, sobald eine vorgesetzte Person die vollständige Akte statt nur den Alarm betrachtet. Die wenigen Fälle, die über die ersten sechs Stunden hinausgehen, sind fast immer jene, in denen im zugrunde liegenden Eintrag tatsächlich etwas Substanzielles steht – und genau in diesen Fällen ist frühe anwaltliche Beteiligung am wichtigsten.
Was wir unseren eigenen Mandantinnen und Mandanten raten – und was wir jeder Leserin und jedem Leser raten würden – ist Folgendes: Wenn es irgendeinen Grund zur Annahme gibt, dass eine Grenzkontrolle Fragen aufwerfen könnte – ein alter Vorgang im Ausland, eine Unsicherheit über ein ausländisches Verfahren, ein Gerücht, dass Sie irgendwo gelistet sein könnten – klären Sie das vor dem Flug, nicht am Flughafen. Eine rechtliche Prüfung in unserer Kanzlei kostet einen bekannten Betrag, wird in bekannter Zeit erledigt und liefert ein bekanntes Ergebnis. Eine Festhaltung nicht.
Und wenn Sie das hier lesen, weil Sie bereits am Flughafen sind oder weil eine Ihnen nahestehende Person dort ist – schliessen Sie diesen Tab und rufen Sie uns an. Wir nehmen ab.